Jüterbog: Fünf Jahre neue Zuwanderung

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Wenige Monate vor der großen Zuwanderung des Jahres 2015 hatte sich die Flüchtlingshilfe Jüterbog gegründet. Gegen den erklärten Widerwillen des politischen Spitzenpersonals der brandenburgischen Kleinstadt hat sich die Bürgerinitiative erfolgreich etabliert und ist mit zahleichen Würdigungen bedacht worden. Eine Bilanz der vergangenen Jahre mit einer großen Veranstaltung am größten Versammlungsort der Stadt musste wegen der Pandemie verschoben werden. Nun ist geplant, das Forum in der ersten Jahreshälfte 2021 stattfinden zu lassen.

A few months before the large immigration wave of 2015, Refugee Support Jüterbog was founded. Against the declared resistance of the top political figures in the small town in Brandenburg, the initiative has successfully established itself and has received numerous awards for its work. A planned balance to be drawn for the past few years at the city’s largest meeting hall had to be postponed due to the pandemic. It is now planned to reschedule the event in the first half of 2021.

Eröffnung des Digitalen Lernzentrums (DLZ)

Am Mittwoch, 9. Dezember, startete im Abtshof das „Digitale Lernzentrum“ der Flüchtlingshilfe Jüterbog.

Bekanntlich führten die Schulschließungen im Frühjahr bei allen Schüler*innen zu erheblichen Lernrückständen. Die rasch entworfenen Versuche der Schulen, die Kommunikation mit den Kindern via Internet aufrechtzuerhalten, waren schon deshalb wenig erfolgreich, weil viele Familien nicht mit der notwendigen Technik ausgestattet sind. Dies betraf insbesondere auch Migrantenfamilien, mit deren Kindern die Schulkommunikation sich sehr schwierig gestaltete. Damals begannen wir, diesen Kindern Nachhilfe durch Ehrenamtliche zu geben, was bis heute geschieht. Gleichzeitig wurde die Idee geboren, die Kinder mit der notwendigen Technik auszustatten und sie in die Nutzung einzuführen. Eine Versorgung jeder einzelnen Familie mit Laptop, Drucker und ausreichend schnellem Internet-Anschluss kam schon aus organisatorischen und finanziellen Gründen nicht in Frage.

So entstand das Projekt „Digitales Lernzentrum. Die Erarbeitung eines Konzepts, Suche nach geeigneten Räumlichkeiten, Einwerben von Sponsoren, Anschaffung der Geräte und Gewinnen von Betreuer*innen waren die Hauptaufgaben in den letzten Monaten.
Das Deutsche Kinderhilfswerk DKHW stellte uns Geld zum Kauf von 3 Laptops zur Verfügung, und aus von der Sparkasse vergebenen Lottomitteln konnten wir Drucker, mobiles Internet, Software und weitere Anschaffungen finanzieren. Der Berliner Verein „Computertruhe“ schenkte uns 4 perfekt wiederaufbereitete Laptops. Entscheidend für die Umsetzbarkeit des Vorhabens war die Zusage des Johanniter-Seniorenzentrums, die großen Räume des Abtshofs nach Absprache für die DLZ-Termine nutzen zu dürfen.

Unser Konzept sieht vor, dass wir die Kinder je nach ihren Vorerfahrungen im Umgang mit Computern in die Nutzung einführen, sie an Standard-Anwendungen wie „Texte schreiben“, „im Netz recherchieren“ und „Lernpapiere für zuhause drucken bzw. ausgefüllte scannen“ heranführen, mit einschlägigen Lernprogrammen vertraut werden lassen und ggf. mit ihrer jeweiligen Schule digital zu kommunizieren.

Fünf Jugendliche und junge Erwachsene, teils berufstätig, teils noch Schüler*innen, haben sich bisher als Betreuer*innen gefunden, haben schon an der technischen Vorbereitung entscheidend mitgewirkt und werden entsprechend ihren zeitlichen Möglichkeiten die Schulkinder an den Laptops betreuen.
Im Dezember wollen wir mit den ersten Kindern Erfahrungen sammeln und bei den Schulen und Eltern den Bedarf ermitteln, um dann das Angebot sowohl quantitativ als auch qualitativ anzupassen.
Wir hoffen, mit diesem Projekt einen Beitrag zur so wichtigen Verbesserung der Lernmöglichkeiten für Kinder aus Migrantenfamilien zu leisten.

Märkische Allgemeine, Jüterboger Echo, 11.12.2020, Seite 13

Sind so kleine Seelen

Gedanken zum Buß- und Bettag 2020
von Mechthild Falk

„Altes Land“ heißt ein Fernsehfilm, der gerade lief. Vorlage für diesen berührenden Film ist der gleichnamige Bestseller- Roman von Dörte Hansen. Wir werden mitgenommen in ein kleines Dorf südlich der Elbe von Hamburg und schauen auf die Geschichte und Gegenwart einer Familie. Diese Geschichte begann 1945 als Vera, ein fünfjähriges Mädchen mit ihrer Mutter auf einem der Höfe dort als Flüchtlinge aus Ostpreußen ankamen. Wir spüren die Herzenskälte der Einheimischen, die die Flüchtlinge als „Polacken“ beschimpfen, obwohl sie Deutsch sprechen, mit deutscher Geschichte und Kultur bisher gelebt hatten. Nur eben in einem anderen Teil Deutschlands, der jetzt nicht mehr zu Deutschland gehörte, aus dem sie vertrieben wurden. Was mich an dieser Geschichte bewegt und was ich oft aus dem Munde von Menschen hörte, die damals ebenfalls aus Ostpreußen, aus Schlesien, aus dem Warthegau hierher nach Jüterbog, Markendorf, Fröhden kamen, sind die tiefen Wunden, die diese Menschen oft bis heute schmerzen. Und das ist eben nicht nur der Verlust der Heimat, sondern diese Ablehnung, auf diese dann hier stießen. Mir haben alte Menschen gesagt, dass sie das Gefühl hätten, bis heute irgendwie noch immer fremd hier zu sein. Wie lange, über wie viele Generationen wird so ein Schmerz weitergetragen, macht die Menschen seelisch krank, verhindert und zerstört Beziehungen? Immer wieder sind im Film und Buch besonders die Kinder im Blick. Was prägt ihre Kindheit? Was tragen sie in ihren Seelen mit sich? Wie erleben sie die Erwachsenen um sich herum? Ergreifend ist die schwarz-weiß gedrehte Szene im Film, als die kleine Vera im Schneesturm zu dem Kinderwagen rennt und die Mutter sie fortzieht von dem Wagen mit dem toten Brüderchen.

Wie viele Kinder aus Syrien, aus Afghanistan, aus afrikanischen Ländern mussten Vergleichbares im Krieg oder Terror oder auf der Flucht nach Europa erleben und schleppen es als seelisches Gepäck mit. Jetzt wohnen sie nebenan, gehen mit unseren Kindern oder Enkeln gemeinsam in die Schule. Aber da reicht dann manchmal eine Hausaufgabe, um ihnen das ganze Drama ihres jungen Lebens vor Augen zu führen. Ein 12jähriger aus Afghanistan lernt in Gewi die Arbeit von Historikern und Archäologen kennen, wie sie die Geschichte erforschen, welches Material sie dabei zur Verfügung haben usw. Er hat die Aufgabe, zu beschreiben, welche Gegenstände und Möglichkeiten es gibt, die Auskunft über sein bisheriges Leben geben. Er schaut mich fragend an. Da gibt es nichts, kein Spielzeug, kein Fotoalbum, keine alten Schulhefte. Wir überlegen, dass er aufschreibt, woran er sich noch erinnert, wie dort die Wohnung in seiner alten Heimat aussah, die Schule, womit er spielte… Und dann sagt er: „Aber jetzt sind wir hier. Hier ist es gut.  Ich will Abitur machen und Forscher werden.“ Wie erlebt dieser Junge mit seiner Familie, seiner Mutter, die ein Kopftuch trägt, die Leute in Jüterbog? Was wird ihm aus seiner Kindheit hier einmal in Erinnerung bleiben? Welche Gefühle, welche Erlebnisse mit den Menschen, die hier schon immer lebten? Wie offen oder wie verschlossen und ablehnend begegnen sie ihm? Muss er ähnliche Erfahrungen wie die kleine Vera im Alten Land 1945 machen oder wird es ihm besser ergehen, darf er Offenheit und Respekt erleben? Der Buß- und Bettag wäre eine gute Gelegenheit, einmal intensiver auf unser Verhalten und unsere Beziehungen zu den Geflüchteten bei uns und insbesondere zu ihren Kindern zu schauen. Sie wohnen nebenan, sie lernen und spielen, machen Quatsch, lachen und weinen wie andere Kinder, müssen Corona durchhalten wie wir alle und sehnen sich danach angenommen, aufgenommen zu werden, Freunde und Freundinnen in ihrer neuen Heimat zu finden. Wie sie als Erwachsene einmal leben werden, ob sie Familien gründen oder allein bleiben, welche Berufe sie erlernen und damit einmal unsere Renten erarbeiten, das alles liegt auch an uns – wie bedacht wir auf ihre Kinderseelen sind.  

1978 sang Bettina Wegener:

Sind so kleine Seelen
Offen und ganz frei
Darf man niemals quälen
Geh’n kaputt dabei

Ist so ‘n kleines Rückgrat
Sieht man fast noch nicht
Darf man niemals beugen
Weil es sonst zerbricht

Grade, klare Menschen
Wär’n ein schönes Ziel
Leute ohne Rückgrat
Hab’n wir schon zu viel

aus: Kinder ( Sind so kleine Hände )

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